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8 Erfassung der Ist-Situation

Wenn das Grundstück oder das Bestandsobjekt für das Projekt feststehen, kann mit der Bestandsaufnahme begonnen werden. Dabei geht es um die Erfassung der Ausgangslage: Wie sind Lage, Anbindung, Erschließungszustand? Was ist der Gesamtkontext von Nachbarschaft und der ökologischen Bedingungen? Wie ist der Zustand des Grundstücks oder Gebäudes? Welche Systeme und Anlagen sind bereits vorhanden? Die Bestandsaufnahme in einem C2C-Projekt geht also über rein gebäudebezogene Ebene hinaus und ist zudem eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der C2C-Vision und der messbaren Ziele.

Standortanalyse zur Maximierung des C2C-Mehrwerts

Wenn die Standortanalyse für eine Projektentwicklung Teil der klassischen Machbarkeitsstudie ist, sollte der Prozess der Studie neu organisiert werden, um C2C-inspirierte Innovationen zu fördern und einen Mehrwert zu schaffen.

Das Umfeld eines Gebäudes ist sehr komplex und umfasst vorhandene Strukturen wie benachbarte Gebäude, Verkehrs- und Service-Infrastruktur, öffentliche Freiflächen, Stadtmobiliar, Landschaftselemente oder besondere Landmarken. Auf diese Bausteine kann im Rahmen von Bebauungsplänen oder quartierweiten Sanierungsmaßnahmen auch übergreifend Einfluss genommen werden. Dem liegt in der Regel ein planerischer Rahmen zugrunde, der zuvor auf Ebene der Kommune, des Landes oder des Bundes gesetzt wurde. Die verschiedenen Strukturen unterliegen meist unterschiedlichen Zuständigkeiten und werden separat betrachtet. Aus Sicht einer C2C-Planung ist die Gestaltung all dieser verschiedenen Elemente immer unter der Berücksichtigung von möglichen Wechselwirkungen vorzunehmen. Es gibt inzwischen zahlreiche Entwürfe und Umsetzungen, die strategische Konzepte wie das der „Essbaren Stadt“, der „Schwammstadt‟, des „Animal Aided Design“ oder der „produktiven Stadt‟ berücksichtigen.

Neben dem physischen Umfeld ist die Soziokultur ein wesentlicher Aspekt, der bei der Entwicklung von Grundstücken und Gebäuden erfasst, analysiert und in die Planung einbezogen werden sollte. Im Idealfall ermöglicht das Gebäude durch seine Struktur Begegnung und Austausch zwischen seinen Nutzer*innen und der Umwelt, fördert die Identifikation und ermutigt so indirekt zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, ob innerhalb der Haus- oder Bürogemeinschaft, im Quartier oder darüber hinaus.

Bei einem C2C-inspirierten Bauprojekt – ob Neubau oder Bestand – bietet es sich an, zunächst zu analysieren, was der Mangel im Umfeld ist und womit der größte Mehrwert geschaffen werden kann. An einem Grundstück zwischen zwei stark befahrenen Straßen könnte es sinnvoll sein, durch die Baumaßnahme begrünte und vom Verkehrslärm abgeschirmte Außenbereiche zu schaffen, die nicht nur den Gebäudenutzer*innen, sondern auch der Nachbarschaft zugänglich sind. Falls die Baumaßnahme neben einem Bestandsgebäude mit fossiler Energieversorgung stattfindet, könnte die Versorgung mit erneuerbarer Energie überdimensioniert und Nachbargebäude mitversorgt werden.

Um mit Architekt*innen oder Stadtplaner*innen eine Grundstücksentwicklung zu erzielen, die Mehrwerte für die Kommune schafft, kann es sinnvoll sein, einige dieser Expert*innen für die Mitwirkung an der Standortanalyse zu beauftragen. Durch diese Einbindung kann eine Grundlage für das Vergabeverfahren und die Ausschreibung geschaffen werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, die DGNB-Standortkriterien einzubeziehen, darunter die Analyse des Mikrostandorts, die Ausstrahlung und der Einfluss auf das Quartier, die Verkehrsanbindung und die Nähe zu nutzungsrelevanten Objekten und Einrichtungen.

Bestandsaufnahme des Grundstücks

Bei der Bestandsaufnahme des Grundstücks sollen Charakteristika identifiziert werden, die besondere Herausforderungen, Vorteile oder Potenziale darstellen. Dazu können vorhandene Vegetation und Bodenbeschaffenheit, Altlasten, Wasserelemente, Material zur Wiederverwendung, Herausforderungen und Potenziale der Nutzung erneuerbarer Energien gehören. Anhand dessen können C2C-Ziele, die einen Mehrwert bringen, und Lösungsansätze für Herausforderungen entwickelt werden. Zum Beispiel kann eine Biodiversitätsprüfung im Sinne des Animal Aided Design als Methode zur Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt genutzt werden.

Bestandsaufnahme des Gebäudes

Gebäudegeometrie

Die Erfassung und Übertragung der Gebäudegeometrie in einen digitalen Zwilling bildet die ideale Grundlage für eine zukunftsorientierte Gebäudenutzung. Die Gebäudehülle mit ihrem äußeren Erscheinungsbild ist das zentrale Medium der Einfügung in die Umgebung und der ästhetischen Gestaltung. Die Umgebung und – wenn vorhanden – das bestehende Gebäude sollten mit dem Ziel analysiert werden, ein Gebäude zu entwerfen, dass sich in seine Umgebung einfügt und einen ästhetischen Mehrwert bringt.

Tragwerk 

Jede Weiternutzung eines bestehenden Gebäudes steht oder fällt mit dem Tragwerk. Ein Bestandsgebäude ist nicht für alles geeignet. Zunächst sind daher die Nutzungspotenziale und Nutzungsgrenzen des Bauwerks zu klären. Dafür wird zunächst das Tragwerk auf seine maximale Tragfähigkeit hin untersucht. Dies geschieht zum Beispiel durch Archivrecherche, konstruktive Bauteiluntersuchungen, punktuelle Bauteilöffnung und Probebelastungen.

  • Das Tragwerk hat Einfluss auf die Flexibilität der Grundrissgestaltung.
    (Beispiel: Vorhandene Deckenspannweiten limitieren den Standort von lastabtragenden Bauteilen wie Wänden oder Stützen.)

  • Die ermittelte Tragfähigkeit kann Nutzungen beschränken. Ein Klassenraum, ein Archiv oder ein Theatersaal erfordern eine unterschiedliche Aufnahmefähigkeit von Verkehrslasten als eine Wohnung. Nutzungen können jedoch an den Bestand angepasst werden.
    (Beispiel: Eine ehemalige Kaserne soll zu einem Hochschulhörsaal umgebaut werden. Nach Norm werden dann im Allgemeinen höhere Deckentragfähigkeiten gefordert. Als Lösungsansatz werden die Seminargruppengrößen beschränkt oder durch fest verankerte Tische Nutzungsmöglichkeiten definiert. So gelingt eine für den Einzelfall genehmigungsfähige Umnutzung. Hier helfen kreative, im Bestand erfahrene Tragwerksplaner*innen.)

  • Ein weiterer Lösungsansatz kann es sein, das Tragwerk zu verstärken oder die Lasten anderweitig durch zusätzliche Stützen und Träger abzuführen.
    (Beispiel: Nachträglich angebrachte Balkone im Wohnungsbau werden üblicherweise mit einem eigenen Tragwerk vorgesetzt und abgestützt, statt frei auskragend, um die Lasten nicht über die Decken abtragen zu müssen, die in der Regel nicht auf solche Zusatzlasten ausgelegt sind.)
     
  • Möglicherweise müssen auch besondere klimatische Rahmenbedingungen für den weiteren Erhalt von Bauteilen eingehalten werden.

Zur Klärung der Trag- und Nutzungsfähigkeiten müssen Tragwerksplaner*innen, Architekt*innen und Bautenschützer*innen Hand in Hand arbeiten.

Erforderliche Maßnahmen:

  • Archivrecherche
  • Konstruktive Bestandsdokumentation / Aufmaße
  • Statische Berechnungen
  • Gegebenenfalls Sachverständigengutachten 
  • Angepasste Entwurfsstudien

Bestandsaufnahme der Baumaterialien 

Beim Bauen im Bestand müssen die Bauteile und Materialien, vom Tragwerk über die Gebäudehülle bis zum Innenausbau, in Hinblick auf Materialeigenschaften, Schadstoffgehalt, Gesundheitsgefahren, (Rest-)Nutzungsdauer, Alterungsprozesse, Schäden, Wieder- und Weiterverwendbarkeit, Trennbarkeit und Rezyklierbarkeit bewertet werden. Je nach Größe des Projektes sollte ein sinnvoller und realistischer Umfang der Materialanalyse festgelegt werden, da ein umfassender Prozess im Zweifel mehrere Jahre einnehmen könnte. Der Umfang der Bestandsaufnahme soll verhältnismäßig bleiben und zu sinnvollen Ergebnissen als Entscheidungsgrundlage führen. Praktische Hinweise gibt unter anderem das DGNB-Kriterium für Sanierungen

Die Analyseergebnisse fließen in die digitale Bestandsdokumentation ein, um sie für zukünftige Arbeiten am Objekt oder späteres Recycling festzuhalten. Hieraus lassen sich Prognosen Nutzungsdauer, Wartung und Instandhaltung aufstellen. Bereits die etablierten Analysemethoden schaffen einen wesentlichen Bezug zu den C2C-Aspekten, indem sie vor allem Materialqualitäten und baubiologische Unbedenklichkeit bewerten. Sie bilden die Grundlage für gezielte weitere Maßnahmen, wie Untersuchungen anhand der „Cradle to Cradle Certified® Restricted Substances List (RSL)‟ oder die Einbeziehung des DGNB-Kriteriums Gefahrstoffsanierung

Geeignete Expert*innen für diesen Prozess sind Baubiolog*innen, sachverständige Ingenieur*innen, Baustoffexpert*innen oder Materialwissenschaftler*innen, erfahrene Handwerker*innen und Planungsbüros. Wenn diese bereits Erfahrung mit C2C-Projekten haben können sie insbesondere bei der Abwägung und Priorisierung der Ergebnisse unterstützen. Häufig erforderliche Expertisen für den Prozess sind Schadstoff- oder Schadenskataster, Laboruntersuchungen und Baustoffprüfungen sowie Gutachten mit Handlungsempfehlungen.